Ich heiße Uwe Boldt, bin 56 Jahre alt und wurde in Hamburg geboren. Meine Kindheit ist soweit ohne Probleme verlaufen. Ich bin, wie andere Kinder auch, zur Schule gegangen, hatte kaum Fehlzeiten. Meine Eltern haben sehr viel gearbeitet und konnten mir dadurch auch nicht so richtig weiterhelfen. Mündlich war ich in der Schule richtig gut. Im Schreiben hatte ich allerdings immer eine 5 oder 6 und im Lesen eine 4 als Note. Ich habe selber gemerkt, dass ich Lese- und Schreibprobleme habe. Vor allem aber durch die anderen Mitschüler*innen, die mich viel gehänselt haben. Das hat mich sehr belastet, aber ich habe das meiste mit mir selbst ausgemacht. Ich wurde wohl aus pädagogischen Gründen immer wieder versetzt und nach der 9. Klasse war ich dann fertig – hatte aber keinen Abschluss. Ich wusste auch nicht, dass ich einen Abschluss machen konnte. Mit 18 Jahren wurde ich vom Arbeitsamt als Jungarbeiter vermittelt und habe dann auch gleich im Hamburger Hafen angefangen. Wie ich das damals mit den ganzen Formularen hinbekommen habe, weiß ich auch nicht mehr so genau – aber es hat irgendwie geklappt. Ich habe sehr viel auswendig gelernt und habe so auch meinen Staplerschein, dann meinen Großstaplerschein gemacht, bin Hafenfacharbeiter geworden und immer weiter in der Firma aufgestiegen. Es gab damals vielleicht 3 Kollegen, denen ich von meinen Problemen erzählt habe. Ich bin sogar so weit gegangen, dass ich meinen Taucherschein gemacht habe ... zwar erst im 2. Anlauf, aber ich habe es geschafft. Ich wollte schauen, wie weit ich mit meiner Lese- und Schreibeinschränkung komme. Und es hat immer geklappt.

Klar hatte ich immer wieder Angst aufzufliegen. Beim Arzt oder bei einer Behörde zum Beispiel. Aber ich habe einfach immer gemacht und wenn etwas war, dann sollten sie mich fragen und ich habe es ihnen gesagt. Ich kenne viele Menschen, die in dem Bereich Probleme haben. Die meisten wollen aber nicht drüber reden, wollen es geheim halten. Eines Tages wurde eine große Kampagne im Hamburger Hafen gedreht: „Gemeinsam stark“. Ich war sozusagen der Hauptdarsteller, ich erzählte darin über mein Leben. Da ist mein Problem dann aufgeflogen, weil meine Kollegen die Dokumentation gesehen haben. Mein Chef hat gelassen reagiert, sich mit mir hingesetzt und wir haben die Sache besprochen. Im Job hat ja soweit alles reibungslos geklappt. Nach Lüneburg bin ich wegen meiner 1. Frau gekommen. Ihr habe ich allerdings erst später von meinen Problemen erzählt. Sie konnte es nicht glauben, aber hat mich natürlich unterstützt. Die Ehe hat dann leider nur 7 Jahre gehalten und dann bin ich in die Alkoholsucht gerutscht. Es ist sogar bei meiner damaligen Arbeit aufgefallen und ich musste auch von Seiten meines Chefs was unternehmen. Nach vielen Aufs und Abs habe ich es zum Glück geschafft und bin nun seit 1994 trocken. Ich bin jetzt außerdem Ansprechpartner bzw. Suchthelfer für Leute, die Hilfe benötigen. 2000 habe ich meine Position innerhalb des Hafens gewechselt und bin bei einer Stelle gelandet, wo alles vollautomatisch lief und ich ums Lesen und Schreiben nicht herumkam. Da wusste ich, dass ich mir Hilfe suchen musste. Ich habe mehrere Male beim ALFAMOBIL vorbeigeschaut, habe mich aber anfangs nicht getraut, ein Gespräch anzufangen.

Doch ich habe meinen Mut zusammengefasst und bin so zur VHS gekommen. Ich musste mir meine Schwäche eingestehen und akzeptieren, dass ich Hilfe brauche und seit dem Moment ging es bergauf für mich. Die VHS war vorher immer ein rotes Tuch für mich und wirkte eher abschreckend. Ich hatte es damals in Hamburg schon einmal versucht, bei einem freien Träger, aber das war nichts für mich. In Lüneburg habe ich mich gleich wohlgefühlt. Ich wurde getestet und war unter Gleichgesinnten. Das half total. Ich habe dann auch angefangen, Öffentlichkeitsarbeit zu machen und mit anderen Teilnehmer*innen des Kurses die Selbsthilfegruppe WORTBLIND gegründet. Das ist nur eine von vielen Sachen, die ich mache. Ich habe auch MENTO (DGB) ins Leben gerufen und bin LERNBOTSCHAFTER vom Bundesverband Alphabetisierung. Es gibt so viel zu tun. Die Leute sollen auf unser Problem aufmerksam gemacht werden. Wir besuchen als Selbsthilfegruppe z.B. Buchmessen und sensibilisieren dort, wir sind aber auch in der Politik zu finden und werben da z.B. für kostenfreie Kurse an der VHS. Dann gibt es noch den LERNERRAT, dem ich angehöre. Dieser will die Grundbildungsbedarfe mehr in die Öffentlichkeit bringen und bezieht erstmalig in Deutschland betroffene Lerner*innen des LERNERRATS aktiv mit ein. Seit dem 7.01.2023 bin ich nun Rentner, aber an aufhören ist noch lange nicht zu denken. Ich möchte noch mehr Aufklärungsarbeit leisten und auch Fremdsprachen reizen mich. Mal sehen, was die Zukunft noch bringt.