Mein Name ist Tina Meyer und ich bin 61 Jahre alt. Geboren bin ich in Lüneburg und verbringe schon mein ganzes Leben hier. Ich habe noch 2 Brüder und 1 Schwester. In meiner Kindheit hatte ich es nicht leicht zu Hause, da sich meine Eltern viel gestritten haben. Ich bin auch erst mit 8 Jahren in die Grundschule in Vögelsen gekommen, da ich zu der Zeit noch zu verspielt war. An die Zeit in der Grundschule kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, aber was ich noch weiß ist, dass ich es sehr schwer hatte. Die Klassen in der Grundschule hatten bis zu 30 Schüler*innen und ich wurde auch noch nach hinten gesetzt. Ich kam so nicht richtig mit und auch die Lehrer*innen merkten nicht, dass ich Probleme hatte. Das und die Probleme zu Hause waren nicht leicht für mich und es hat sich auch auf mein Lernen negativ ausgewirkt. Dazu kam, dass ich eine sehr schüchterne Person bin und mich sehr oft Sachen nicht getraut habe. Ich wollte auch immer mehr lernen und wissen, aber es ging irgendwie nicht in meinen Kopf und es blieb nichts hängen. Ich bin auch immer sehr vorsichtig gewesen, wem ich von meinen Problemen erzählte, wenn ich neue Leute kennengelernt habe. Ich bin dann ab der 5. Klasse auf die Sonderschule gegangen. Dort habe ich dafür gesorgt, dass ich vorne sitzen kann. Auch die Lehrer*innen haben sich um mich gekümmert und ich bekam Lust zu lernen, zu lesen und zu schreiben. Ich hatte damals sogar eine 1 in dem Fach Schrift und Form. Meine Geschwister und ich sind dann ins Heim gekommen, als ich 13 Jahre alt war, worüber ich sehr froh war. Die Situation zu Hause war nicht mehr auszuhalten. Heute kann ich sagen, dass ich ohne die Heimunterbringung keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung hätte.
Als ich mit der Sonderschule fertig war, bin ich sogar auf die Hauswirtschaftsschule in Oedeme gegangen, wo ich meinen Hauptschulabschluss nachmachen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe dann eine Ausbildung als Näherin bei Bruno Kirches, heutiges Roy Robsen, in Lüneburg angefangen. Die praktische Prüfung habe ich zwar bestanden, aber leider die schriftliche nicht. Ich bin dann mit meiner Erzieherin aus dem Heim zur Industrie- und Handelskammer gegangen und habe gefragt, was ich machen kann. Ich habe dann dort auch erzählt, dass ich Probleme mit dem Lesen und Schreiben habe. Dort habe ich dann Hilfe bekommen, so dass ich die Ausbildungsprüfung bestand. Mir wurden die Fragen der Prüfung vorgelesen und so konnte ich die Prüfung meistern. Mein größtes Problem waren immer die Fremdwörter. Ich bin über die Industrie- und Handelskammer zur VHS Lüneburg gekommen und habe dort einen Grund- und Aufbaukurs in Lesen und Schreiben und später einen in Rechnen belegt. Ich wurde bei der VHS sehr herzlich aufgenommen, da die Leute hier alle die gleichen Probleme hatten. Es kam dann sogar die Zeit, dass wir alle im Kurs so viel Lust hatten etwas zu machen, dass wir eine eigene Selbsthilfe Gruppe gegründet haben - WORTBLIND. Mit der Gruppe machen wir bis heute viel Öffentlichkeitsarbeit und wollen den Leuten helfen und ihnen sagen, dass sie nicht allein sind und, dass sie Hilfe bekommen können. Ich war nach meiner Ausbildung ein halbes Jahr bei Lucia beschäftigt. Dort wurde aber im Akkord gearbeitet, was sich auf meine körperliche und seelische Gesundheit auswirkte. Ich wurde mit ca. 21 Jahren krank und konnte nicht mehr arbeiten.
Weil es mir schlechter ging, hatte ich das Glück, dass ich erst eine gesetzliche Betreuerin und vor 2 Jahren eine Betreuerin von der AWO bekommen konnte, die mir bei allen Anträgen und Formularen helfen. Die Arbeit mit WORTBLIND hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben. Ich gehe jetzt sogar offener auf Menschen zu. Meine Ziele sind es auf jeden Fall, noch selbstständiger und unabhängiger von meiner Betreuung zu werden. Ich möchte mit unserer Selbsthilfegruppe noch mehr erreichen und dann sehr gerne noch etwas Ehrenamtliches machen. Vielleicht ins Altenheim gehen und alten Menschen vorlesen oder für sie einkaufen gehen. Das wäre schön.