Ich bin Sabine Zeiser und wurde 1963 in Schneverdingen geboren. Wir waren eine große Familie mit 9 Kindern. Ich habe 6 Brüder und 2 Schwestern. Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof, den wir später aufgegeben haben, um nach Reppenstedt in ein Haus zu ziehen. Als ich 4 Jahre alt war habe ich eine Hirnhautentzündung bekommen, die so stark war, dass ich in ein Krankenhaus nach Celle gebracht worden bin, wo ich vom Laufen bis zum Sprechen alles wieder von vorne lernen musste. Als ich wieder entlassen wurde, kam ich in die Grundschule in Schneverdingen, wo ich bis zur 3. Klasse unterrichtet wurde. Ab der 4. Klasse bin ich auf eine Sonderschule gekommen, wo ich bis zur 8. Klasse geblieben bin und meinen Abschluss bekommen habe. Ich wurde nicht so viel gehänselt, da ich immer meine Brüder hatte, die auf mich aufgepasst haben. Lese- und Schreibprobleme hatte ich schon immer, was besonders auffiel, als ich Arbeit gesucht habe. Ich ging zum Arbeitsamt und hoffte, dass sie eine Stelle für mich finden würden, jedoch schickten die mich zum Gesundheitsamt. Dort hat man ein paar Tests mit mir gemacht und meine Lese- und Schreibprobleme bestätigt. Daraufhin wurde ich zur Lebenshilfe geschickt, wo ich dann in der Küche angefangen habe. Ich habe dort auch Unterstützung von Lehrer*innen bekommen, die mir beim Lesen- und Schreibenlernen geholfen haben. Das habe ich 10 Jahre gemacht und die Lebenshilfe dann verlassen, weil ich „fertig für den Arbeitsmarkt” war, so wie sie es nannten. Meine 2. Stelle hatte ich ca. 1993 in der Küche, als Küchenhilfe von einem BlauGelb-Supermarkt in der Goseburg in Lüneburg. Nach kurzer Zeit wurde ich wieder entlassen, hatte aber das Glück, dass der Betriebsrat auf meiner Seite war. Ich bin vor das Arbeitsgericht gezogen und habe dann eine Abfindung von damals 1000,- DM bekommen, da ich einen Behindertenstatus bzw. -ausweis hatte und nicht so einfach gekündigt werden konnte. Danach habe ich eine Stelle beim Fischladen „Herr Müller“ in einem InterSpar angenommen. Meinen Freund habe ich 1989 noch bei der Lebenshilfe kennengelernt und wir haben 1995 geheiratet. Dann hat es auch nicht lange gedauert und wir sind 1997 Eltern eines kleinen Jungen geworden. Mein Mann und ich haben beide Lese- und Schreibprobleme.

Wir sind bei unseren Eltern ausgezogen und haben uns eine gemeinsame Wohnung in Adendorf genommen. Auf Anraten meiner Schwiegermutter haben wir uns daraufhin eine Eigentumswohnung gekauft, die wir über ein paar Ecken vermittelt bekommen haben. Wir mussten einen Kredit aufnehmen, was uns dann aber zum Verhängnis wurde, als mein Mann arbeitslos geworden ist und wir die Abträge an die Bank nicht mehr bezahlen konnten. Wir sind dann in einer Schuldenfalle gelandet. Dazu kam, dass wir auch Probleme mit der Erziehung unseres Sohnes hatten und ihn auch nicht in seinen schulischen Aufgaben unterstützen konnten. Wir haben dann Hilfe bekommen. Zum Einen vom Jugendamt, was dazu führte, dass unser Sohn auf ein Internat nach Uelzen kam, welches sie finanzierten und zum Anderen durch einen gesetzlichen Betreuer, der sich um die ganzen Formulare und Anträge kümmerte, die zu bearbeiten waren. Nach 7 Jahren waren wir dann wieder schuldenfrei. Mittlerweile wohnen mein Mann und ich am Bockelsberg. Mein Sohn, der mit 17 Jahren aus dem Internat kam, ist dann auch wieder bei uns eingezogen. Er hat mittlerweile eine gute Arbeit und verdient sein eigenes Geld.

Das Einkaufen klappt bei mir ganz gut. Manchmal nehme ich noch meine Betreuerin mit, aber bei allen anderen Sachen helfen mir meine große Schwester oder Freunde. Ich würde gerne lernen, alleine Sätze zu schreiben oder längere Texte zu lesen. Damals bei der Familienhilfe haben sie mich an die VHS vermittelt, wofür ich dankbar bin. Die Kurse besuche ich sehr regelmäßig und ich freue mich jedes Mal wieder, die anderen netten Menschen aus dem Kurs zu sehen. Ich war außerdem viele Jahre bei der Selbsthilfegruppe WORTBLIND, was mir sehr viel Freude bereitete. Im Moment muss ich mittwochs immer arbeiten, darum kann ich nicht teilnehmen. Ich gehe offen damit um, dass ich Lese- und Schreibprobleme habe und möchte auch darauf aufmerksam machen, dass anderen Betroffenen geholfen werden kann. Ich arbeite mittlerweile in der Küche der Gaststätte „Hasenburger Brauerei“, was nur ein paar Minuten von unserer Wohnung entfernt ist. So komme ich raus und habe meine Bewegung – das ist mir wichtig. Meinen Chef Harry Böttger kann ich bei Problemen immer ansprechen und er erklärt mir Sachen, die ich nicht verstehe. Er akzeptiert mich so, wie ich bin. Mein Wunsch ist es, noch besser im Lesen und Schreiben zu werden. Und am liebsten würde ich gerne im 10-Finger-System schreiben lernen. An einem Tablet. Das ist mein Traum. Vielleicht geht er eines Tages noch in Erfüllung.