Mein Name ist Manfred Meyer und ich bin ein gebürtiger Lüneburger, Jahrgang 1967. Ich habe einen älteren Bruder und zwei Schwestern, eine davon ist Tina Meyer. Damals wohnten wir alle in Vögelsen, aber wir hatten als Familie eine schwere Zeit. Mein Vater war nicht nett zur Familie und so musste, als ich sieben Jahre alt war, das Jugendamt einschreiten. Wir Kinder wurden alle in ein Heim gesteckt, mein großer Bruder sogar in ein Heim für schwer erziehbare Kinder, da sich sein Verhalten durch die Situation in der Familie sehr verschlechtert hat. Ich bin mit 7 Jahren ins Heim gekommen und wurde auch in der Grundschule im Roten Feld eingeschult. Von meinen Lese- und Schreibproblemen hat niemand etwas gemerkt. Meine Eltern hatten es vor dem Heim noch nicht gemerkt und auch im Heim war niemand da, den es interessierte. Meine Lehrer schliffen mich auch nur so durch die ersten Schuljahre. Im Heim bemerkte ich dann, dass andere Kinder es leichter hatten mit ihren Hausaufgaben und viel schneller fertig waren. Da erfuhr ich, dass sie auf eine Förderschule gingen – das wollte ich auch. Nach der 3. Klasse bin ich auf die Förderschule in Oedeme geschickt worden, in der es etwas besser für mich lief. Aber das Lesen fiel mir nach wie vor sehr schwer. Ich versuchte es immer wieder, verlor dann aber die Kraft und auch die Lust, weiterzumachen. Ich habe Texte nur überflogen und mir vieles zusammengereimt. Aber vorlesen ging überhaupt nicht. Auf der Sonderschule wurde ich sogar Schulsprecher, was ich gar nicht verstand. Wahrscheinlich wegen meiner Art. Ich habe versucht, meine Lese- und Schreibschwäche durch meine mündlichen Leistungen auszugleichen und konnte auch gut reden. In Fächern wie Sport war ich sogar der Beste der Schule. Als ich 17 Jahre wurde, kam ich in die Verselbstständigungsgruppe des Heimes und bin dann mit 18 Jahren in meine erste Wohnung in der Wallstr. gezogen. Zu der Zeit hatte ich auch eine Freundin, die noch im Heim wohnte. Als sie dann rauskam, nahmen wir uns eine gemeinsame Wohnung im Schildsteinweg. Sie hat mir geholfen, wenn es um Anträge oder Formulare ging. Da haben wir uns gut ergänzt. Wir waren 11 Jahre zusammen und 3 Jahre davon verheiratet. Doch am Kinderwunsch ist die Beziehung dann gescheitert. Ich war danach nochmal verheiratet. Es hat was nur 8 Wochen gehalten und jetzt lebe ich mit meiner Lebensgefährtin bereits seit 21 Jahren glücklich zusammen.
Als ich meinen Sonderschulabschluss bekommen hatte, fing ich an, Bewerbungen rauszuschicken, insgesamt waren es 80 Stück. Meine Ausbildung habe ich 1989 beim Malerbetrieb Aschenbrenner begonnen und den praktischen Teil der Prüfung bestanden. Die theoretische dann in einem zweiten Anlauf – ich habe alles, was ich konnte, auswendig gelernt und bestanden. Mein Glück war, dass die meisten Aufgaben Ankreuzaufgaben waren. Nach 6 Jahren im Malerbetrieb wollte ich nochmal etwas anderes sehen und wechselte in eine Bauschutzfirma. Meine Lese- und Schreibschwäche ist grundsätzlich niemandem aufgefallen und so kam ich auch nie auf die Idee, einen Grundbildungskurs in der VHS zu machen. Ich habe einfach wieder sehr viel auswendig gelernt, so dass ich ohne Probleme arbeiten konnte. Eines Tages gab es ein Sicherheitstraining, wo ein abschließender Test geschrieben wurde. Ich habe zwar wie verrückt an den Abenden gelernt, doch es war so viel Stoff und zu wenig Zeit, dass es rauskam, dass ich nicht richtig lesen und schreiben konnte. Ich dachte, dass ich meinen Job los bin, doch alle Mitarbeiter und der Chef zeigten sich verständnisvoll, da die Arbeit ja ohne Probleme geklappt hatte. Jedoch kamen mit der Zeit, duch die hohe körperliche Belastung, die gesundheitlichen Einschränkungen und so musste ich die Arbeit in dem Betrieb aufgeben. Ich bin dann erst einmal arbeitslos geworden, 4 Jahre lang. Nach dieser Zeit wurde dann, zusammen mit Jobcoaches vom Arbeitsamt, ein Konzept entwickelt, wie ich wieder in die Arbeitswelt integriert werden und wie ich an meiner Lese- und Schreibschwäche arbeiten konnte. Das war auch der Zeitpunkt, wo ich anfing, aktiv zur VHS zu gehen. In dem Grundbildungskurs habe ich auch meine Schwester Tina nach 10 Jahren wiedergetroffen. Wir hatten uns wegen ein paar Kleinigkeiten zerstritten und daher keinen Kontakt mehr zueinander. Rückblickend können wir beide es nicht verstehen, aber dafür genießen wir die Zeit jetzt umso mehr, die wir miteinander haben. Wir wussten beide nichts von unserer jeweiligen Lese- und Schreibschwäche, deshalb überraschte es uns, dass wir uns gerade bei der VHS trafen. Die Zeit bei der VHS brachte und bringt mir immer sehr viel Spaß und als die Auflagen vom Arbeitsamt erfüllt waren, habe ich mich entschieden, bei einer Wachdienstfirma anzufangen. Auch hier musste ich wieder eine Schulung mit anschließendem Test machen. Wieder habe ich angefangen, alle wichtigen Dinge für den Test auswendig zu lernen. Das Problem war nur, dass es mir mit zunehmendem Alter immer schwerer fiel. Aber ich habe es geschafft und konnte bei der Firma anfangen.
Doch dieses Mal habe ich gleich offen gesagt, dass ich Schwächen habe und es war kein Problem. Bei der jetzigen Arbeit wird sogar darauf Rücksicht genommen, so dass ich in keine unangenehmen Stresssituationen komme und nicht wieder in mein altes Verhalten zurückfalle und mich von allen und jedem zurückziehe. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Job und gebe alles, dass ich ihn bis zu meiner Rente behalte. Leider leiden darunter meine Kurse bei der VHS, doch ich versuche, so oft wie möglich zu kommen. Mit Urlauben halte ich mich ein wenig zurück. Bei meinen zwei Hochzeitsreisen war ich auf Mallorca und in Paris, aber ansonsten bleibe ich lieber in Deutschland. Mich setzt das buchen von Reisen einfach unter Druck. Dazu kommt, dass ich Angst habe in Ländern, in denen ich die Sprache nicht spreche, mich nicht mitteilen zu können. Das ist etwas, an dem ich in Zukunft auch noch verstärkt arbeiten möchte. Wo wir gerade bei dem Thema Zukunft sind – ich bin auch, wie meine Schwester Martina, von Anfang an bei der Selbsthilfegruppe WORTBLIND dabei. Mir ist es einfach wichtig, das ganze Thema Lese- und Schreibschwäche einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und aufzuklären. Zudem sind wir eine tolle Gruppe an Leuten, die sich immer wieder gegenseitig anspornt, um etwas zu erreichen. Als Ausgleich zum Arbeits- und Lernalltag spiele ich hin und wieder Videospiele mit meiner Lebensgefährtin. Da bekomme ich den Kopf frei und kann am nächsten Tag wieder durchstarten.