Ich heiße Jutta Schmitt, bin 65 Jahre alt und komme aus einem kleinen Ort in Unterfranken. Meine 3 Geschwister und ich kommen aus einer Familie, in der wir streng katholisch erzogen wurden. 1965 wurde ich eingeschult und merkte dann schnell, dass ich Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatte. Andere Fächer haben mir sehr viel Spaß gemacht, aber es ging dann soweit, dass ich bei den Arbeiten nicht mitzuschreiben brauchte. Stattdessen habe ich zur Übung ein Buch bekommen, aus dem ich abschreiben sollte. Dadurch bekam ich auch meine schöne Handschrift. Ich konnte es abschreiben, aber ich wusste nicht, was es bedeutete. In den anderen Fächern war ich sehr gut und konnte auch vieles durch meine mündliche Mitarbeit ausgleichen oder habe mir vieles eingeprägt, indem ich es auswendig gelernt habe. Aber ich war die Außenseiterin und wurde von vielen gehänselt. „Die Dumme“ oder „die Blöde“ waren damals meine gängigen Beschimpfungen. Sowas hinterlässt Spuren bei einem. Hauptsächlich waren es die Mädchen, was dazu führte, dass ich damals mehr mit den Jungs spielte. Von meinen Eltern brauchte ich auch keine Unterstützung erwarten, da bei ihnen die Landwirtschaft über allem stand. Die Lehrer*innen waren zu der Zeit auch komplett mit meinen Problemen überfordert. Ende der 1960er Jahre wurden dann die Sonderschulen eingeführt und die mussten gefüllt werden. So ging ich dann nach der 4. Klasse auf die Sonderschule. Aber ich war immer noch die Außenseiterin, zwar nicht auf der Schule aber im Dorf. Auf Dörfern wird viel geredet und getratscht und „Sonderschule“ war damals gleichzusetzen mit „dumm“.
Auf der Sonderschule ging es dann einigermaßen und ich habe nach der 8. Klasse, mit 16 Jahren, mein Abschlusszeugnis bekommen. Danach ging es auf die Berufsfachschule mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft, wo ich aber so gut wie nie hingegangen bin, da ich im Betrieb meiner Eltern mitgeholfen habe. Das alles entsprach aber nicht meiner Vorstellung von dem, was ich machen oder werden wollte und so war klar, dass ich, sobald ich 18 Jahre alt war, raus in die Welt musste. Ich bin bei verschiedenen Firmen vorstellig geworden und habe schließlich bei der Elektronikfirma Uher in München was gefunden. Es waren die 70er Jahre, da wurde händeringend nach Arbeitskräften gesucht. Meine Lese- und Schreibprobleme habe ich immer versucht, so gut es ging, zu verheimlichen – ich dachte immer, ich wäre die Einzige, die es nicht kann und dass, wenn ich von meinen Problemen erzähle, mir sowieso niemand glaubt, dass ich das, was ich erreicht habe, allein geschafft habe. Meinem Ehemann habe ich mich aus Liebe anvertraut und die volle Unterstützung bekommen. Dafür danke ich ihm bis heute. Aber auch meine Schwester war immer da, wenn ich sie brauchte. Als ich dann nach Hamburg kam, fing ich auch dort bei einer Firma an, die in der Elektrobranche ist. Langsam aber sicher habe ich mich bis in eine Führungsposition hochgearbeitet, worauf ich sehr stolz war. Was aber auch bedeutete, dass ich immer mehr machen musste, um meine Situation zu verheimlichen und ein starkes Auftreten zu haben. 8 Stunden gearbeitet und 3 Stunden vor- und nachgearbeitet. So sah mein Alltag aus. Ich habe immer ein Diktiergerät dabeigehabt, um mir Sachen zu merken – ich konnte ja nichts aufschreiben. Abends bin ich dann mit meinem Ehemann alles durchgegangen und habe mich wieder für den neuen Tag vorbereitet. Mit der Zeit kamen dann die Computer und alles hat sich verändert. Ich habe so viel auswendig gelernt und mir überall Notizen gemacht. Wenn ich jetzt daran zurückdenke – der pure Wahnsinn. Das war es auch. Mir wurde alles zu viel und ich bekam Zitteranfälle, sobald ich mich vor den Rechner setzte. Ich konnte es nicht mehr verbergen und so kam es raus. Die Zeit werde ich nie vergessen. Es gab nie ein direktes, klärendes Gespräch mit meinen Vorgesetzten und ich wurde von den anderen Mitarbeiter*innen gemobbt.
Zuerst wurden meine Stunden reduziert, dann wurde ich gekündigt. Ich bin gerichtlich dagegen angegangen, so musste mich die Firma wieder einstellen und sie gaben mir eine Position, in der ich nur Aufträge schreiben musste. Also kündigte ich nach 17 Jahren im Betrieb bei dieser Firma. „Arbeit ist meine Freizeit“ war bis dahin immer mein Lebensinhalt. Nach dieser ganzen Zeit musste ich erst einmal wieder alles normalisieren. Beim Einkaufen hatte ich damals Probleme. Ich habe mir immer gemerkt, wo etwas steht und wenn dann umgestellt wurde im Supermarkt, fragte ich mich durch und nahm als Ausrede: „Ich habe meine Brille vergessen“. Meinem Freundeskreis, der aus teilweise 30 Jahre langen Freundschaften besteht, habe ich auch nichts von meinen Problemen erzählt. Ich habe viel geschauspielert und z.B. an Gesellschaftsspielen nie teilgenommen. 2016 habe ich bei der Fernsehdokumentation 37 GRAD mitgemacht, in der es um das Thema „Analphabeten“ ging – ich mag diese Bezeichnung bis heute nicht, sie ist so verurteilend. Nach der Ausstrahlung sind über 10 Leute aus meinem Freundeskreis weggebrochen. Sie zeigten keinerlei Verständnis und sagten, ich hätte sie belogen oder was denn nun die Leute von mir denken würden. Das tat mir sehr weh. Aber ich habe auch sehr viel Zuspruch bekommen, was mich bestätigt hat in meinem Handeln.
Erst bei meinem Hausarzt und dann bei einem speziellen Therapeuten wollte ich meine Lese- und Schreibprobleme testen lassen, jedoch ist dies bei Erwachsenen schwierig. Es wurde aber anerkannt. Nun bin ich offiziell eine „funktionelle Analphabetin“. Ich kann immer noch nicht glauben, was für ein unheimlicher Aufwand es war und wie alle in eine Schublade gesteckt werden – da muss sich ganz dringend was ändern! Ich wollte, dass es in meinem Leben vorangeht und habe dann eine Werbung im Fernsehen gesehen, in der das ALFA TELEFON beworben wurde. Trotz anfänglicher Angst habe ich mich daraufhin bei der VHS angemeldet, um nochmal neu zu lernen. Das gab mir neue Motivation. Spaß und Freude am Lernen stehen hier im Mittelpunkt und schnell wusste ich, es gibt viele, die dieselben Probleme haben wie ich und denen möchte ich helfen. Ich mache mittlerweile viel Öffentlichkeitsarbeit u.a. bei WORTBLIND, im LERNERRAT und im DACHVERBAND DER ALFA-SELBSTHILFE. Wir müssen die Leute für unsere Probleme sensibilisieren, uns in der Politik Gehör verschaffen und anderen, die die gleichen Probleme haben wie wir, Hoffnung machen, dass es Hilfe für sie gibt. Wir sind da für Euch. Kommt zu uns, wir können Euch weiterhelfen. Ich sage mir immer, wenn ich nur einem da draußen helfen kann, dann hat es sich schon gelohnt.
Mein Leitspruch ist: Wenn aus Buchstaben Wörter werden, wenn aus Wörtern Sätze werden, wenn aus Sätzen Geschichten werden, dann wird die Welt bunt!