Mein Name ist Diana Brandt Olm, ich bin 58 Jahre alt und gebürtige Dänin. Meine Kindheit mit meinen 3 Brüdern war sehr unbeschwert. In der 1. und 2. Klasse wurde mir sehr schnell klar, dass ich im Unterricht nicht mitkam. Lernunterstützung habe ich damals bekommen, jedoch konnte ich deshalb nicht am normalen, parallel stattfindenden Dänisch- und Matheunterricht teilnehmen – wodurch ich den Anschluss verlor. Relativ früh war klar, dass ich ein Problem mit dem Lesen und Schreiben hatte. Auch meine Oma und meine Mutter hatten dieses Problem, sie waren Legasthenikerinnen und nun hatte auch ich die Lese- und Rechtschreibstörung geerbt. Einer meiner 3 Brüder war ebenfalls betroffen. Unterstützung von meinen Eltern gab es wenig. Mein Vater war damals viel arbeiten und meine Mutter hatte selber Lese- und Schreibprobleme. Mein Bruder, der sehr schlau war, hat mir ab und zu geholfen, aber eben nicht immer. In Dänemark gibt es nur eine Gesamtschule. Fast 90% der Schüler*innen gingen damals in der 8., 9. oder 10. Klasse auf ein Internat. Das war zu dieser Zeit normal. Es gab auch Zuschüsse vom Staat, was meiner Mutter sehr zugute kam. Ich habe mich bis zur 8. Klasse durchgekämpft, habe zwar oft geschwänzt, aber meine Eltern haben mich danach zum Glück auf einem Internat angemeldet. Es wurden viele Tests mit mir gemacht und die Lehrer*innen haben erkannt, dass ich „was auf dem Kasten hatte“, nur eben nicht richtig lesen und schreiben konnte. Eine riesige Erleichterung war es, als ich feststellte, dass es auf dem Internat begleitende Hörbücher zum Unterricht gab. Damals waren Hörbücher noch nicht so verbreitet wie heute. Zum 1. Mal konnte ich richtig mitreden im Unterricht. Das war ein großes Highlight für mich. Ich wollte immer mitmachen im Unterricht und nun konnte ich es endlich. Nach den 2 Jahren, 9. und 10. Klasse, habe ich dann meinen Abschluss gemacht – zwar nicht mit den besten Noten, aber das war mir egal. Auf dem Internat ging es sehr harmonisch zu. Es waren 4 oder 5 andere Schüler*innen da, die auch die gleichen Probleme hatten wie ich, aber wir konnten dafür andere Dinge besser. Nach der Schule habe ich als Haushaltshilfe bei einer Familie angefangen zu arbeiten, bin danach bei der mobilen Altenpflege als Reinigungskraft eingestiegen und habe auch meinen Führerschein gemacht. Das war aber kein Problem, denn ich habe einfach alles Wichtige für die Prüfung auswendig gelernt und bestanden. In dieser Zeit habe ich auch meinen 1. Mann kennengelernt. Er hat mir viel geholfen, aber rückblickend würde ich sogar sagen, er hat mir zu viel abgenommen. Ich hätte mir gewünscht, dass er mich mehr gefordert hätte. Mit 20 Jahren habe ich meinen Sohn Christian bekommen.
Es gab aber auch eine Zeit, wo mir meine Legasthenie richtige Probleme bereitet hat. Ich habe in einem Pflegeheim als Reinigungskraft gearbeitet und bei der Verwendung von Reinigungsmitteln nicht auf die richtige Dosierung geachtet – es stand alles im Kleingedruckten, was ich nicht lesen konnte. Das hatte zur Folge, dass meine rechte Lunge durch heftiges Husten, ausgelöst durch die starken Ätzgerüche, geplatzt ist und ich operiert werden musste. Der Alltag lief einigermaßen in Ordnung – beim Einkaufen oder Kochen waren ein paar Probleme da, aber das hielt sich im Rahmen. Es kam irgendwann der Punkt, an dem ich genug von der Arbeit als Reinigungskraft hatte und was Anderes machen wollte. Ich habe dann über 50 Bewerbungen geschrieben – in allen Bereichen. Ich habe Ende der 80er Jahre eine Arbeit gefunden. In der Grafikabteilung eines Hörbuchverlages. Ich habe gleich offen darüber geredet, dass ich Lese- und Schreibprobleme habe, aber das war kein Problem für die Firma. Sie haben mir so geholfen und auch Möglichkeiten gezeigt, wie ich was erledigen konnte. Ich habe 4 Jahre dort gearbeitet. Zu der Zeit habe ich mich in meinen Chef verliebt und mich von meinem Mann getrennt. Ich bin auch mit ihm ans andere Ende von Dänemark gezogen. Ich habe mich im Guten getrennt. Wir wollten immer das Beste für unseren Sohn und haben es auch hinbekommen. Auch unser Sohn hat die Lese- und Rechtschreibschwäche von mir geerbt. Als ich dann in der neuen Stadt in Dänemark gewohnt habe, habe ich in einem Kindergarten angefangen und der Chef hat mich nach kurzer Zeit gefragt, warum ich nicht Sozialpädagogik studiere. Für mich war das unvorstellbar. Ich musste dafür 3 Jahre das Abitur an einer Abendschule nachholen, um studieren zu können. Das habe ich dann auch neben meiner Vollzeitstelle gemacht. Mein Freund hat mich richtig gefördert. Ich habe damals einen kleinen tragbaren Macintosh bekommen, an dem ich immer arbeiten konnte und den ich dann auch im Unterricht mit einer Lese- und Schreibkontrolle verwenden durfte. Es gab sogar eine Lehrerin, die mir Sachen auf eine Kassette aufgenommen hat. Es gibt in Dänemark mittlerweile Gymnasien für Legastheniker*innen, wo es so tolle Lehrmethoden gibt, die auf die Schüler*innen abgestimmt sind. Es geht sogar so weit, dass es mittlerweile alle Lehrbücher als Hörbuchversion gibt.
Ich bin dann wieder zurück in meine Heimatstadt gezogen und habe dort angefangen zu studieren, mich aber gleichzeitig auch von meinem Freund getrennt. Es dauerte nicht lange und ich lernte meinen jetzigen Mann kennen. Er ist Polizist und war damals als Tourist in Dänemark. Ich habe noch 7 Jahre in Dänemark verbracht, bis mein Sohn erwachsen war. Mein Freund hat auf mich gewartet und so bin ich 2002 nach Deutschland / Bardowick gekommen. Anfangs haben die Leute hier in Deutschland gedacht, dass ich nicht lesen und schreiben konnte, weil ich Dänin bin und ich musste dann immer versuchen, zu erklären, dass es ein anderes Problem war. Mir wurde vom Arbeitsamt gesagt, dass ich auf dem Arbeitsmarkt hier keine Chance hätte, was mich ziemlich erschüttert hat. Aber ich wollte das nicht hinnehmen und habe nicht aufgegeben, bis ich eine Arbeit gefunden habe. Ich habe nach kurzer Zeit Arbeit bei der Lebenshilfe gefunden – anfangs in einem Wohnhaus für Erwachsene mit Behinderungen. Ich bin 2008, durch einen Hinweis von meinem Chef, zur VHS gekommen, um mein Deutsch zu verbessern und gleichzeitig an meiner Lese- und Rechtschreibstörung zu arbeiten. Ich habe hier tolle Leute getroffen und wir haben relativ schnell entschieden, dass wir eine Selbsthilfegruppe gründen wollen. Diese Gruppe haben wir dann WORTBLIND genannt, was in Dänemark der gängige Begriff für Analphabetismus ist. Ich war aber auch motiviert durch meine Mutter. Sie war damals in Dänemark eine der ersten, die das Thema „Wortblind“ in der Öffentlichkeit bekannt machte. Den Kurs besuche ich mittlerweile nicht mehr, da ich es zeitlich nicht mehr schaffe. Aber bei WORTBLIND bin ich nach wie vor, da es extrem wichtig ist, Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Das ein oder andere Mal war ich auch schon in der Zeitung und habe über das Thema und mich gesprochen. Da haben auch sehr viele Leute aus meinem Umfeld erst richtig mitbekommen, dass ich Probleme habe – aber es gab nur positives Feedback. In meiner Freizeit bin ich leidenschaftliche Harley-Fahrerin. Das liegt in der Familie. Mein Vater hat bei uns früh das Interesse geweckt und so fahre ich mein Leben lang schon Motorrad. Mein Mann und ich sind auf unseren Maschinen oft unterwegs. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass das ganze System in Deutschland sich ändert oder sich anpasst. Wenn ich sehe, wie einfach es in Dänemark für Menschen mit WORTBLIND ist und was hier in Deutschland der Stand der Dinge ist, dann kann ich mich nur ärgern. Es kann so einfach sein, den Leuten zu helfen. Man muss nur an wenigen Stellschrauben drehen, um einen sichtbaren Erfolg zu sehen. Ich kann nicht verstehen, dass es hier in Deutschland so schwierig ist, Veränderungen herbeizuführen. Wir müssen viel mehr lernen, die Technologie, die wir bereits haben, an den richtigen Stellen einzusetzen. Ich werde nicht aufgeben. Ich war schon immer eine Kämpferin und bin drangeblieben. Das mache ich auch in Zukunft.